Es fehlt an Respekt


Respekt. Dieses eine Wort fällt im Laufe des Abends im Rotkreuz-Zentrum immer wieder. Die SPD hatte zum Diskussionsabend mit dem Titel „Sicher im Einsatz?“ eingeladen. Vize-Landrat Markus Ramers erörterte mit Daniel Heitmann, Rettungssanitäter des Deutschen Roten Kreuzes in Zülpich, Kreisbrandmeister Udo Crespin und Michael Mertens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei NRW, die Frage, warum Uniformierte, egal ob von Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst bis hin zu Mitarbeitern des Ordnungsamtes oder Helfern anderer Dienste wie beispielsweise das THW, gehäuft Opfer von Attacken werden.

Gründe gibt es viele. Doch ein ganz gewichtiger ist eben der mangelnde Respekt. „Es gibt keine Form des Respekts mehr vor der Uniform“, sage Michael Mertens, erkennt aber auch: „Viele haben heute keinen Respekt mehr vor den Eltern oder Lehrern.“ Die Eltern nimmt er deshalb gleich in die Pflicht. „Wir erziehen zur Respektlosigkeit.“ Ergo: „Uniformierte Kollegen müssen ausbaden, was die Gesellschaft verbockt hat.“ Die Zahl der Gewalttaten gegen Polizisten habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Wie die Situation im Kreis Euskirchen ist, wissen Daniel Heitmann und Udo Crespin. Heitmann ist seit 30 Jahren im Rettungsdienst beschäftigt und kommt zu dem traurigen Schluss: „Non-verbale Beleidigung ist fast schon normal.“ Gemeint sind Gesten wie das Vogelzeigen, der Scheibenwischer oder mehr – und das nur, weil sich ein Rettungswagen mit Sondersignalen eben auch Sonderrechte herausnimmt. An Einsatzstellen werde man heute sehr häufig beleidigt, sei es von Patienten, Angehörigen oder Dritten.

„Der Sound der Gesellschaft und die Gewalt sind im Rettungsdienst und in der Feuerwehr angekommen“, meint Udo Crespin. Dabei ist Gewalt dem Rettungsdienst nicht fremd. Aber während man sich auf durch Erkrankungen oder Alkohol und Drogen ausgelöste Gewalt einstellen kann, trifft es die Helfer heute aus heiterem Himmel, so wie die beiden Rettungskräfte, die 2018 im Einsatz krankenhausreif getreten wurden.

Abnehmende Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung

Die Gründe für ein solch extremes Verhalten seien vielfältig. Eine völlige Fehleinschätzung der eigenen Situation gehört dazu. Crespin nennt als Beispiel Menschen, die wegen Fiebers einen Notarztwagen anfordern und nicht gewillt sind, der Leitstelle ihre Symptome zu erklären. Für Crespin ist aber auch die abnehmende Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung ausschlaggebend. Wenn die App nicht mehr helfen kann, ist der Mensch überfordert, in Hilflosigkeit reagiert er dann panisch. „Die digitale Welt strömt in die analoge Welt hinein“, findet Crespin außerdem und meint damit die Menschen, die im Internet ihren Hass ausleben und diese Respektlosigkeiten nun auch im echten Leben loswerden.

Dennoch dürfen die Helfer ja nicht ihre Arbeit einstellen. „Das Blaulicht muss sich drehen“, nennt Crespin das. Doch was können Helfer tun, will Ramers wissen. Daniel Heitmann spricht von Fortbildungen und Deeskalationstrainings, die alle zwei Jahre stattfinden. Boris Brandhoff, Leiter der Integrationsagentur des Deutschen Roten Kreuzes im Kreis Euskirchen, stellt das Projekt „Keep Cool“ vor. Dort lernen DRK-Angehörige, wie sie mit konfliktbeladenen Situationen umgehen, es geht um Kommunikation und Deeskalation. „Die Zündschnur heute ist bei vielen kürzer, viele Menschen sind überfordert und gestresst“, ergänzt Michael Mertens. Würden Menschen lernen, wie sie Konflikte nicht körperlich, sondern mit dem Mund lösten, sei das gut.

„Die Gesellschaft muss sich zu uns bekennen“, meint Crespin. Das funktioniert auch über Kampagnen. So sei das frühere Problem der Rettungsgassen deutlich besser geworden, seit vermehrt auf sie hingewiesen werde. „Dann muss das auch mit Respekt klappen“, hofft Crespin.

Michael Mertens fordert vonseiten der Polizei konkret drei Dinge. Erstens mehr Personal. Denn auch wenn wieder mehr Polizisten eingestellt werden, reicht das nicht aus. „Die Neuen decken die Ruheständler nicht ab“, meint er und rechnet frühesten 2024 mit einem Anstieg. Zweitens bessere Ausstattung und Ausrüstung. Explizit spricht er Spuckhauben, Bodycams und Taser an. Drittens wünscht er sich, dass auch die Rechtsprechung so geändert wird, dass Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht im Einklang agieren.

Eine wichtige Erkenntnis schält sich zum Schluss aus der Diskussion: Sind weibliche Einsatzkräfte genauso betroffen wie ihre männlichen Kollegen? Unisono kommen Mertens, Crespin und Heitmann zu dem Schluss: Frauen werden mehr und oft heftiger beleidigt, dabei aber seltener körperlich angegangen. Außerdem hätten Frauen eine beruhigende Wirkung – nicht nur für die Angreifer, sondern auch für die eigenen Kollegen.

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