Spielerisch vermittelte Sozialkompetenz


Theaterarbeit an Schulen gilt seit langem als ideal, um Prozesse zu initiieren, in denen das physische, psychische und kognitive Potenzial der Teilnehmenden gefordert und gefördert wird, also kurzum die ganze Persönlichkeit der Heranwachsenden. Am Städtischen Johannes-Sturmius-Gymnasium in Schleiden hat man mit der theaterpädagogischen Arbeit schon seit vielen Jahren gute Erfahrungen gemacht. „Wir schätzen daran besonders, dass hier rein spielerisch künstlerische und soziale Kompetenzen gleichermaßen vermittelt werden“, berichtet Schulleiter Georg Jöbkes. Denn die jungen Leute, die sich in einer Theatergruppe engagierten, erlebten durch die kompetente Anleitung von Fachlehrern künstlerische Selbsterfahrung und lernten damit etwas fürs Leben.

Aus diesem Grund freut sich der Schulleiter besonders darüber, dass am JSG gleich zwei Lehrer auf ganz unterschiedliche Weise den Schülerinnen und Schülern diese besondere Form der Selbsterfahrung ermöglichen und ihnen damit ganz nebenher - eben spielerisch - Sozialkompetenz verschaffen.

Da ist zunächst der Theater-Förderkurs von Valerie Sarlette. Die Deutsch- und Englischlehrerin besitzt auch eine Lehrbefähigung für Darstellendes Spiel und hat ihre ganz eigenen Methoden, Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klasse an die Theaterarbeit heranzuführen. Die Theaterszenen werden stets gemeinsam mit den jungen Leuten erarbeitet, wobei das Spiel, die Ausdrucksfähigkeit, die Bewegung und die Phantasie im Vordergrund stehen. Dies konnte man kürzlich bei einem Stationentheater an der Schule erleben. „Unsere Aula ist abgebrannt, also mussten wir improvisieren und haben uns in den Fluren und Gängen der Schule ausgetobt“, berichtete Sarlette. Dabei habe man ein halbes Jahr lang Szenen erarbeitet, die allesamt mit Gefühlen zu tun gehabt hätten, Gefühlen und Räumen.

Das Theater sei ein gutes Ventil, um Gefühle auszudrücken, da man ja nicht sich selber, sondern eine Rolle spiele und daher nicht seine eigenen Gefühle preisgeben müsse, so Sarlette weiter. „Ich gebe in der Regel nur Impulse in die Gruppe, das kann auch schon mal ein Gedicht sein, oder stelle eine Methode vor wie beispielsweise das Mickey-Mousing“, berichtete die Theaterpädagogin. Beim Mickey-Mousing

handelt es sich ursprünglich um eine Filmmusiktechnik, bei der die Musik genau auf die im Film vorkommenden Bewegungen angepasst wird. Im Theater hingegen spielt jemand beispielsweise eine Rolle und ein anderer spricht für ihn.

„Die meisten Ideen entwickeln die Schüler dann selber“, erklärte Sarlette. „Ich ergänze dann meist nur, schaffe Anfänge, Enden und Übergänge.“ Eine weitere Technik sei das Spiel mit Requisiten oder Objekten. Bei der besagten Aufführung konnten Zuschauer erleben, wie beispielsweise Stühle zu Hunden oder kleinen Babys wurden. Die Phantasie der Schülerinnen und Schüler kannte dabei keine Grenzen. Doch nicht nur die Stühle nahmen im Spiel neue Bedeutungen an, auch die Räume und Flure der Schule wurden plötzlich zur Bühne, so dass auch dem Publikum neue Perspektiven auf Altbekanntes vermittelt wurden.

„Das war alles unglaublich spannend für uns und hat uns sehr viel Spaß gemacht“, berichtete eine der Schülerinnen nach der Aufführung. Die gemeinsame Arbeit hätte die Schüler sehr eng zusammengeschweißt. Bei einigen schwierigen Szenen sei darüber hinaus stark diskutiert worden, ob man das überhaupt alles so machen könne und dürfe. Insgesamt betonten die jungen Leute, dass sie durch die Theaterarbeit sehr viel über ihre eigenen Gefühle gelernt hätten.

Mehr sprachorientiert arbeitet hingegen der Literaturkurs der Q1 unter Leitung von Deutsch- und Englischlehrer Christoph Stephan. Stephan ist ein begeisterter Shakespeare-Fan, glaubt aber, dass die Übersetzungen Shakespeares heute kaum noch von Jugendlichen spielbar sind. Aus diesem Grund unterzieht er alte Shakespeare-Dramen einer Neuinterpretation und füllt sie mit aktuellem Stoff.

So basiert das jüngste Stück des Literaturkurses auf Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“. Geht es dort um den heruntergekommenen Ritter Falstaff, der nicht aufhören kann, den Frauen nachzustellen, und der durch Fress- und Trunksucht entstellt von zwei treuen Ehefrauen eine Lektion erteilt bekommt, so wird aus Falstaff in der Neubearbeitung von Stephan der Filmregisseur Harry Weinschlauch. Bezüge zur aktuellen „Me too“-Debatte sind dabei selbstverständlich Absicht. Neben Weinschlauch bevölkern reiche Filmproduzenten, französische Starregisseure und windige Anwälte, ehemalige Filmstars und ehrgeizige Jungschauspielerinnen, treue Ehefrauen und eifersüchtige Ehemänner, Helikopter-Mütter und unbegabte Söhne, YouTube-Stars und Sensationsreporterinnen die Bühne und entfachen dort ein wortgewaltiges Fegefeuer der Eitelkeiten.

„Nachdem ich ein Shakespeare-Stück um- und neugeschrieben habe, versuche ich meinen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass dieses Stück relevant, lustig und wichtig ist“, berichtete Stephan. Sei dies gelungen, so gehe man an die Arbeit.

„Am Anfang denkt man manchmal, die Schüler nehmen das Theaterspielen gar nicht richtig ernst, und sie tun sich schwer damit, den Text zu lernen“, so Stephan weiter. Aber dann würde ihnen irgendwann klar, dass sie schon bald auf der Bühne vor vielen Leuten stünden. „Das soll ja dann nicht peinlich werden“, so Stephan, also knieten sie sich rein.

Eine besondere Erfahrung sei es für die Schüler, wenn sie Figuren spielten, die sie eigentlich gar nicht spielen möchten. „Manche haben Schwierigkeiten damit, jemand anderen als sich selbst zu spielen, zumal wenn dieser Jemand unsympathisch ist“, verriet Stephan. „Ich halte aber nichts davon, mit Teenagern Teenager-Stücke zu spielen, in denen ihre eignen Probleme thematisiert werden, sondern die jungen Leute sollen Erwachsene spielen und sich überlegen, wie stelle ich beispielsweise einen 60-jährigen, dicken Säufer so dar, dass ich ihm noch einen Rest von Würde lasse.“ Dadurch stießen die Schüler durch das Theaterspiel in Bereiche vor, die sie aus eigener Erfahrung im normalen Leben nicht entdecken könnten.

Dass den jungen Leuten bei ihrer jüngsten Produktion die Darstellung von Erwachsenen gelungen ist und sie beim Spiel über sich selbst hinauswuchsen, konnte man bei der Uraufführung im Großen Kursaal Gemünd erleben. Dort wurde auch ihrem Lehrer Christoph Stephan rasch klar, dass seine Schützlinge wohl doch noch heimlich geübt haben mussten. Denn die Aufführung war durchweg gelungen. Das Publikum zollte den Darbietungen lang anhaltenden Applaus.

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