Auf welch verschlungenen Wegen private Schriftstücke über Jahrzehnte hinweg in Schubladen, auf Dachböden oder in Nachlässen überdauern, ist selten nachvollziehbar. Umso wertvoller sind Momente, in denen Zufallsfunde oder Zufallskontakte, dazu führen, dass historisch Wertvolles entdeckt, erkannt und vor der Vernichtung bewahrt wird.
Im Jahr 2013 wurde Klaus Stüber, Mitglied des Geschichtsforums Schleiden e.V., im Zuge einer Haushaltsauflösung kontaktiert. Bei der Sichtung des Nachlasses der Familie Knott in Gemünd fand er neun, an Hedwig Knott adressierte Briefe aus Brasilien. Sie stammten von Helene, Erich und Milly Kaufmann. Klaus Stüber kontaktierte Heike Schumacher, Deutschlehrerin am Städtischen Johannes-Sturmius-Gymnasium Schleiden, welche mit Schülerinnen und Schülern im Jahr zuvor die Schicksale der Familienmitglieder der aus Gemünd stammenden jüdischen Familie Kaufmann aufgearbeitet hatte. Mit Hilfe von Dr. Toni Offermann konnten die handschriftlichen Briefe transkribiert und genannte Personen, Orte sowie Ereignisse in ihren historischen Kontext gebracht werden.
Schülerinnen und Schüler engagierten sich über die Jahre in verschiedenen Projektkursen für die Aufarbeitung der ehemaligen jüdischen Schüler des heutigen JSG. Sie stellten sogar Kontakt zu lebenden Verwandten in Brasilien her. Letztlich setzte der sozial-genial Projektkurs „Stolpern-Erinnern-Nach vorne schauen – Jüdisches Leben in der Eifel“ die gewonnenen Erkenntnisse zur Familie Kaufmann in der Vogelsang-Ausstellung #weremembereifel um:
Die jüdische Familie Kaufmann führte in der Dreiborner Straße in Gemünd ein Textilwarengeschäft. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1912 bestand sie aus der Mutter Helene Kaufmann und ihren drei Söhnen Erich (11 Jahre), Richard (10 Jahre) und Oskar (3 Jahre). Im Zuge der nationalsozialistischen Terrorherrschaft emigrierten alle Familienmitglieder. Richard floh im Jahr 1934 nach Amsterdam. Seine Brüder Erich und Oskar wanderten mit ihren Familien im Jahr 1936 nach Südamerika aus, wohin ihnen kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ihre Mutter Helene folgte. Mit Eroberung der Niederlanden begann auch dort ab 1940 die Verfolgung und systematische Ermordung von Jüdinnen und Juden. Richard und seine junge Familie wurden nach Auschwitz deportiert und im Sommer 1941 dort ermordet.
In Brasilien überlebten die anderen Familienmitglieder den Holocaust. In der neuen Heimat war die Erinnerung an die fern liegende Eifel jedoch nicht erloschen. Helene Kaufmann pflegte Briefkontakt zu ihrer früheren Bekannten Hedwig Knott in Gemünd. Die neun Briefe der Familie Kaufmann stammen aus den 1950er Jahren. Darin berichtet Helene Kaufmann zusammen mit ihrem Sohn Erich und dessen Ehefrau Milly von ihrem Leben in Südamerika und schwelgt in Erinnerungen an ihre frühere Heimat in Gemünd. Ohne Hass oder Rachegedanken blickt sie auf die Vergangenheit zurück und ordnet die historischen Ereignisse ein. „Vergeben, aber nicht vergessen, das kann man nicht, auch wenn man 100 Jahre alt würde“, schreibt sie im März 1955.
Die Briefe sind ein eindrucksvolles Zeugnis des einst selbstverständlichen Zusammenlebens in Gemünd vor 1933. Zugleich erinnern sie daran, dass Flucht, Vertreibung und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung untrennbar zur Stadtgeschichte gehören.
Mit der Schenkung der Briefe an das Stadtarchiv Schleiden am 19. Mai 2026 trägt das Geschichtsforum Schleiden e.V. dazu bei, dass diese Quellen dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben und das Schicksal der Gemünder Jüdinnen und Juden nicht in Vergessenheit gerät.
